Versteckter Schmerz hinter der Fassade:
Wie Bindungsstörungen den Weg zum Narzissmus ebnen
Personen mit einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung präsentieren nach außen hin ein Bild von Selbstsicherheit und Überlegenheit, doch der vorliegende Artikel zeigt, wie fragil sein Fundament in Wahrheit ist. Narzissmus ist demnach kein angeborener Wesenszug, sondern eine komplexe Störung, deren Wurzeln oft in den frühesten Kindheitsjahren liegen. Die im Artikel beschriebenen Bindungsstörungen können als Grundlage für die Entwicklung narzisstischer Züge verstanden werden.
Die gestörte Symbiose und das leere Ich
Die von Mahler beschriebene „symbiotische Phase“, in der Mutter und Kind eine Einheit bilden, ist entscheidend für die Entwicklung eines gesunden Selbstwerts und Urvertrauens. Wenn diese Phase fehlschlägt, weil die Bedürfnisse des Kindes chronisch vernachlässigt werden – etwa durch depressive oder drogenabhängige Eltern – kann ein tiefes Gefühl von Leere und Abhängigkeit entstehen.
Der grandiose Narzisst: Um mit dieser inneren Leere umzugehen, entwickelt das Kind oft eine grandiose Ersatzpersönlichkeit. Es konstruiert ein unrealistisches und überhöhtes Selbstbild, das es vor der schmerzhaften Realität des geringen Selbstwerts schützen soll. Die in der ödipalen Phase erlebte Illusion unbegrenzter Macht, die normalerweise später durch die Realität korrigiert wird, bleibt hier bestehen, wird aber nun auf die eigene Person übertragen.
Der vulnerable Narzisst: Ein Kind, das Kälte oder Misshandlungen erfährt, kann das Gefühl entwickeln, dass Nähe und Abhängigkeit gefährlich sind. In der Folge meidet es Beziehungen oder entwickelt ein unsicher-ambivalentes Bindungsmuster. Im Erwachsenenalter äußert sich das oft als ein labiler Selbstwert, eine erhöhte Empfindlichkeit gegenüber Kritik und die ständige Suche nach Bestätigung.
Abwertung als Schutzmechanismus
Kinder, die in den ersten Lebensmonaten Angst und Ablehnung erfahren, entwickeln ein gestörtes Urvertrauen. Diese Erfahrungen führen zu einem verminderten Selbstwertgefühl und der tief verwurzelten Überzeugung, nicht liebenswert zu sein. Narzisstische Taktiken wie die Abwertung anderer dienen dann als Schutzmechanismus, um die eigene Verletzlichkeit zu verbergen und den fragilen Selbstwert zu stabilisieren.
Verzerrte Idealbilder: Die Fantasievorstellung von unbegrenzter Macht, die das Kind auf seine Eltern projiziert (Eltern-Imago), wird später oft auf andere Bezugspersonen, wie Partner, übertragen. In narzisstischen Beziehungen bedeutet das, dass der Partner nur so lange idealisiert wird, wie er dem überhöhten Selbstbild des Narzissten dient. Sobald er Schwächen zeigt oder Kritik äußert, wird er abgewertet, um die eigene narzisstische Verletzung zu vermeiden.
Das Trauma der Bindungsangst
Die "unsicher-vermeidenden" und "unsicher-ambivalenten" Bindungstypen nach Bowlby und Ainsworth finden im Kontext des Narzissmus eine tiefere Bedeutung. Die Bindungsangst, die sich hier zeigt, kann im Erwachsenenalter zur narzisstischen Persönlichkeitsstörung führen. Das Verhalten der Narzissten, das zwischen Idealisierung und Abwertung, Nähe und Distanz pendelt, spiegelt die frühen, unsicheren Bindungsmuster wider.
Fazit: Narzissmus als dysfunktionaler Schutzschild
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass mangelnde Fürsorge und gestörte frühkindliche Bindungen die Bühne für die Entwicklung narzisstischer Züge bereiten. Die oben beschriebenen Fehlanpassungen und Bindungsmuster sind die Bausteine, aus denen Narzissten einen dysfunktionalen Schutzschild formen, um ihr schmerzhaftes inneres Gefühl der Unzulänglichkeit zu verbergen. Ihre Manipulationen und die Abwertung anderer sind kein Ausdruck von Stärke, sondern ein Versuch, die tief verwurzelten Ängste vor Ablehnung und mangelndem Selbstwert zu kontrollieren.